Zeughaus Lindau: Geschichte

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Geschichte des Zeughaus

1507 – 1526
Erbauungszeit durch Kaiser Maximilian I. (1459 – 1519)

Ab 1651
Nutzung als Theater

1745

Die Stadt Lindau erwirbt das Gebäude und nutzt es kurze Zeit als Kaserne

1779 – 1881

Nutzung als Theater für die bürgerliche Schauspielgesellschaft und die dramatische Liebhabergesellschaft

1800

Unterbrechung der Theaternutzung. Das Gebäude wird Lazarett für französische Truppen.

Ab 1881

Verschiedene Nutzungen als Getreidelager, Kaserne,
Jugendherberge und im Dritten Reich Hitler-Jugendheim.

Ab 1966

Jugendzentrum

Ab 1995

Bühne des Zeughausvereins e.V.



Das Lindauer Zeughaus war nicht das einzige, das Kaiser Maximilian I. errichten ließ. Es gehört zu einer Kette von Zeughäusern, die er zum unmittelbaren Schutz der Grenzen erbaute, in Siegmundskron und Trient gegen Italien, in Breisach gegen Frankreich, in Wien gegen die Ungarn, in Graz und anderen steirischen Orten gegen die Türken und z.T. auch gegen die Venezianer und schließlich in Lindau gegen die Schweiz. Das zentrale Zeughaus wurde in Innsbruck errichtet, denn Tirol war damals, dank seines florierenden Bergbaus, die Waffenschmiede des Hl. Römischen Reiches.

Kaiser Maximilian I. von Albrecht Dürer 1518
Was wurde nun in den Zeughäusern gelagert und aufbewahrt? Militärische Ausrüstung aller Art. Einen Schwerpunkt nahmen die im 15. Jh. aufkommenden Feuerwaffen ein, denn der Artillerie galt Maximilians besonderes Augenmerk. Das mag zuerst verwundern, gilt Maximilian doch als der „letzte Ritter“. Diese Charakterisierung ist jedoch weniger militärisch als kulturell zu verstehen. Maximilian propagierte zwar den adelig-ritterlichen Lebensstil mit einem entsprechenden Werte- und Ehren-Kodex. Als fortschrittlich eingestellter Feldherr wusste er jedoch, dass mit schwer bewaffneten, von Kopf bis Fuß gepanzerten Reitern, keine Schlachten und Kriege mehr zu gewinnen waren. Er brauchte also eine schlagkräftige Artillerie und eine Infanterie, die zunehmend auch mit Feuerwaffen ausgerüstet wurde. Büchsen und Kanonen, die dazu gehörige Munition und das Pulver waren oft auf verschiedene Häuser und Orte verstreut. Ein Missstand, den Maximilian durch den Bau von Zeughäusern zu beseitigen suchte. Bereits 1497 erteilte er den Befehl, die Büchsen und Ausrüstungsgegenstände, die in Lindau auf mehrere Häuser verteilt waren, in einem passenden Gebäude zu deponieren, welches der Kaiser mieten und bezahlen wollte. Entweder wurde dieser Befehl nicht ausgeführt oder das angemietete Gebäude war nicht geeignet, da die Anzahl der unter- zubringenden Waffen ständig zunahm. Auf alle Fälle war zehn Jahre später die Situation wieder oder immer noch so unbefriedigend, dass Maximilian jetzt anordnete in Lindau ein Zeughaus zu errichten.


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Als Bauplatz hatte er ursprünglich die Burg, das Gelände der heutigen Römerschanze vorgesehen, was jedoch dem Rat der Stadt nicht behagte. Damit wäre nämlich am Rande der Stadt eine kleine Festung entstanden, ein österreichischer Vorposten, der über den See hätte versorgt werden können. Dieser wäre der Oberaufsicht der Stadt entzogen worden und hätte außerdem den Hafen kontrollieren können. Es gelang dem Rat der Stadt den Kaiser von einem Bauplatz „im Paradies“, in der Nähe des heutigen Paradiesplatzes zu überzeugen. Laut Aussage der Baurechnungen begannen die Bauarbeiten am 18. September 1507. Im Jahre 1508 wurde zudem die bisherige Hintere Insel mit einem Mauerring umgeben und auch der grüne Turm, der heutige Pulverturm, dort errichtet. Die bestehenden Stadtmauern wurden mit zusätzlichen Schanzen verstärkt. All dies waren Folgen der zunehmenden Verbreitung der Feuerwaffen. Den Nutzen des Zeughauses, das 1526 erst fertig gestellt werden konnte, hat Kaiser Maximilian nicht mehr erlebt, da er bereits 1519 verstarb.

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Nach dem Westfälischen Frieden, etwa um 1651, fanden in dem geräumigen Zeughaus-Gebäude erstmals Theater-aufführungen, vor allem von Schulen und auswärtigen, über Land fahrenden Theatergruppen, statt.

Da das kaiserliche Zeughaus dem Herrscherhaus der Habsburger unterstand, war es der österreichischen Regierung möglich, sich ab und an auch in die Angelegenheiten der Freien Reichsstadt Lindau einzumischen. Dieser Missstand wurde beendet, als die Stadt 1745 das Gebäude kaufte, um es kurze Zeit danach als Kaserne und später als Salzstadel zu nutzen. Unmittelbar daneben befand sich die zweite Schiffs-Lände für den Korn- und Salzhandel. So ist es zu erklären, dass das Zeughaus im Verlauf der nächsten hundert Jahre nicht nur als Waffen-Arsenal, sondern zwischendurch auch anderweitig benutzt wurde.

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Erst zu Beginn des 19. Jh. durch die Initiative einer neugegründeten Amateur-Theatergruppe, die sich „dramatische Liebhabergesellschaft“ nannte, wurde der Muse Thalia erneut der Einzug ins Zeughaus ermöglicht. Dieser Gruppe fühlte sich der Architekt Kinkelin sehr verbunden. Seinem Einsatz ist es zu verdanken, dass das Zeughaus nun eine richtige Theater-Einrichtung und sogar 17 Logen bekam. Viele Jahre lang diente das Zeughaus der Stadt nun als Theater. Wie begeistert man damals in Lindau Theater spielte, beweist eine Notiz des Grafen Friedrich von Homburg aus dem Jahre 1812. Er besuchte damals eine Aufführung des Liebhaber-Theaters „wo leider (?) recht gut gespielt wurde, auch hörte ich auf der Promenade zu meiner Freude, wie Mägde und Handwerksburschen schon vom Theater sprachen.“

Wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen mögen dazu geführt haben, dass sich um 1835 die „Dramatische Liebhabergesellschaft“ auflöste und der Theaterbetrieb eingestellt wurde. Auch eine Wiederbelebung gegen Mitte des Jahrhunderts blieb erfolglos und zuletzt wurde wegen Brandgefahr jeglicher Spielbetrieb eingestellt.

Das Zeughaus fällt nun in einen mehr als 100jährigen Dornröschenschlaf. Wie schon des Öfteren im Verlaufe seiner Geschichte dient es vor allem im Bereich des großen Kellergewölbes wieder als Lagerstätte für Waren der Lindauer Bürger und Geschäftsleute. Im Obergeschoss wird später eine Jugendherberge eröffnet, die während des Krieges in ein Hitler-Jugend-Heim umfunktioniert wird. Nach dem Krieg wird in den sechziger Jahren in diesem Obergeschoss das noch heute bestehende Jugendzentrum eingerichtet.

Erst im Juli 1989 umweht wieder echte Theaterluft das alte Gemäuer, als die Theatergruppe PODIUM 84 das Stück „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint Exupery auf dem Unteren Schrannenplatz zur Aufführung bringt. Dabei wird der Eingangsbereich des Zeughauses als Garderobe und Requisitenraum genutzt.

Als drei Jahre später Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ und 1994 das lokalhistorische Stück „Maria Madlener“ von Helga Sauermann, beide Stücke wieder als Freilicht-Inszenierungen, vor der Türe des Zeughauses aufgeführt werden, gibt es bereits Vorschläge, dass die Musen wieder Einzug halten sollen in ihr angestammtes Domizil.

Ein Jahr sollte es noch dauern, bis im Herbst 1995 durch den neugegründeten „Förderverein Zeughaus e.V.“ die alte Theaterspielstätte wieder belebt wird. Sponsoren werden gesucht und gefunden und auch von Seiten der Stadt erfährt der neugegründete Verein viel Wohlwollen und Unterstützung. Vor allem aber sind es die vielen unermüdlichen Helfer, die mit großem Idealismus, Fleiß und Sachverstand sich der Aufgabe annehmen, aus der Gerümpel-Lagerstätte ein bespielbares Theater zu schaffen. Diesen vielen Idealisten ist es zu danken, dass das alte Zeughaus heute wieder eine attraktive Theaterstätte geworden ist, die mit ihrem interessanten Kleinkunst-Programm aus dem Lindauer Kulturleben nicht mehr wegzudenken ist.